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Psychotherapie im Vierbettzimmer

Psychotherapie im Vierbettzimmer- Die Kunst der Improvisation

 

 

In der Klinik, in der ich arbeite, wird Psychotherapie aufsuchend am Bett angeboten, für die Menschen, die nicht in die Praxisräume kommen können. Es sind meistens Unfallpatienten, die von einem Moment auf den anderen mit großen Verletzungen klarkommen müssen. Diese Woche wurde ich zu einem Herrn gerufen, dem eine Unterschenkelamputation drohte, nachdem ihm schon vor einigen Jahren der halbe Fuß amputiert worden war. Der Stumpf hatte sich entzündet.  Ich weiß bei solchen Erstbesuchen im Zimmer oft nicht, was mich erwartet. Ich fuhr in den 6. Stock und fand mich in einem chaotischen Vierbettzimmer vor.

 

 

Vier Männer, alle mit Amputationen und Verbänden. Ich fragte in die Runde: „Guten Tag, wer ist hier Herr W.?“ Ein älterer Herr, Anfang 70, dünnes wirres Haar, links an der Tür antwortete, das bin ich. Ein anderer Herr, Rechts am Bett rief energisch: Schwester, machen Sie das doch mal ab hier!!“ Er lag mit frischem Gesichtund nacktem Oberkörper und Vollbart im Bett und wollte an seinen Bettgalgen. Da ich langjährig als Pflegekraft gearbeitet habe, bevor ich Psychologin wurde, sagte ich: „Hallo Herr W., ich komme gleich zu Ihnen, ich mach dem Herrn erstmal den Bettgalgen runter…“ Während ich ans Bett des alten Rauschebarts schritt, beschimpfte der junge Mann links am Fenster, ebenfalls bärtig, wild tätowiert laut und rassistisch den Herren rechts an der Tür, er solle endlich mal die Pfleger rufen. Er hinge schon seit einer Stunde an der durchgelaufenen Infusion. Der Iraner saß als einziges im Rollstuhl, mit zwei verbundenen Füßen. Der Tätowierte Patient beschimpfte den Iraner, „Du bist ein Ausländer, du lügst!“

 

 

Ich empfahl den Herren, die Klingel zu drücken, um die Pflegekräfte zu rufen, wobei der Tätowierte sagte, das tue er bereits seit einer halben Stunde. Ich setzte mich zu Herrn W. ans Bett, der laut ins Zimmer rief: „Die Pfleger haben jetzt Übergabe, die kommen nicht!“  Ich begrüßte Herrn W. und stellte mich als Psychologin vor, fragte ihn, ob er Gespräche möchte, und wie es ihm gehe. Er sagte: „Na, da fangen Sie doch mal an! Das weiß ich doch jetzt noch nicht, ob ich Gespräche will, warum kommen Sie denn zu mir? Ich erklärte, das sei ein Service der Klinik vor schwierigen Operationen. Er meinte, ja,  ich habe da ja den Stumpf, mit dem lebe ich schon sehr lange, den verbinde ich täglich selbst, dazu habe ich eine Prothese, damit komme ich sonst gut klar, jetzt hat sich das alles entzündet… Ich erfrage ein paar biografische Details, er lebt mit Lebensgefährtin, der Pflegedienst komme zur Wundkontrolle nur einmal in der Woche. Er fragt mich, ja wissen Sie denn schon, wann ich operiert werde? Ich hüstele verlegen, offensichtlich hatten die Ärzte erst mich geschickt, ihn noch nicht aufgeklärt, die OP könne evtl. schon Montag sein.

 

 

Im Hintergrund Tumult. Der Tätowierte brüllt den Iraner an: „Du Ausländer, du sollst die Pfleger holen!“ Ich bitte um Ruhe, was wenig nützt. Gleichzeitig versuche ich, den Gestank der Urinflasche, die unverkennbar am Bett hängt, zu ignorieren. Ich will mich gerade wieder Herrn W. zuwenden. Die Pfleger betreten das Zimmer, kein Wort zu mir. Iranischer Pfleger zu Tätowiertem „Sie müssen etwas Geduld haben, wir hatten Übergabe!  Ich mach sie jetzt ab von der Infusion, sie müssen zur Anästhesie. Schmerzen, eins bis 10?“ „Ja, ich habe Schmerzen, zwei bis drei!“ Der Tätowierte bekommt seine Temperatur gemessen, der Pfleger geht weiter zu meinem Patienten, kein Wort, ob er stört, kommentarlos wird mitten im Gespräch das Ohrthermometer angelegt. „36.4, gut. Schmerzen, 1 bis 10?“ Mein Patient antwortet mit schelmischem Grinsen: „Noch keine!“  Dann macht er den Bauch frei, bekommt auch seine Heparinspritze. Ich frage höflich, welcher Sozialdienst für den Patienten und die Station zuständig sei. „Wissen wir nicht, fragen sie die Stationsassistentin.“ Der Pfleger wendet sich dem iranischen Patienten zu, sie reden iranisch, ich vermute, Schmerzen, 1 bis 10?

 

 

Ich wende mich wieder dem Patienten zu. „Kommen sie denn klar mit einem Pflegedienst nur einmal die Woche??“ „Ich brauche eine Pflegestufe, ich habe noch keine Pflegestufe, auch keine Taxischeine.“ Ich erkläre, das heißt jetzt Pflegegrad, das kann ich nicht klären für sie. Ich notiere das für den Sozialdienst. Der iranische Pfleger ruft wieder quer durch den Raum zum bärtigen Tätowierten: „Sie müssen in die Anästhesie! Jetzt mal raus aus dem Bett!“ Er schwingt sich in den Rollstuhl, zieht sich an.

 

 

Ich frage Herrn W. „Ist es Ihnen recht, wenn ich mal mit dem Sozialdienst spreche?“ Ich frage ihn, wie es ihm damit geht, dass das Bein erneut gekürzt werden soll. Er rollt die Augen, sagt: „Wissen sie was? Wenn ich mal nicht mehr will, ich kenne einen Tierarzt, der würde mich notfalls sofort einschläfern. Wäre ich ein Pferd, wäre ich doch längst tot. Warum gibt man das den  Tieren?“ Ich frage reflexhaft nach, ob er Selbstmordgedanken habe, er meinte, die hätte er als Jugendlicher gehabt, aber jetzt nicht mehr. Wäre nur ein Scherz gewesen. Er habe als Jugendlicher viel Vernachlässigung von seinen Eltern erlebt. Ich bestärke ihn, dass schwarzer Humor ein Hilfsmittel sei, dass ich aber immer nachfragen müsse.

 

Eine gepflegte Frau betritt den Raum, in Zivil gekleidet, bespricht sich mit dem Iraner. Der Pfleger kommt auf mich zu, quatscht wieder mitten rein: „Das ist übrigens die Person vom Sozialdienst!“  Ich sage, Moment, Herr W. Ich spreche die Dame an, sage, dass ich Psychologin bin, dass Herr W, hier links an der Türe, eine Beratung zu Pflegegrad und Taxischeinen brauche. Sie nickt, notiert sich das.

 

 

Ich setze mich wieder zu Herrn W, will den Gesprächsfaden irgendwie wieder aufnehmen, Er klagt weniger über die erneute OP, sondern über Versorgungsprobleme, wann alles abheilen würde, wann er dann endlich mit der neuen Prothese versorgt würde, wie er ohne Prothese in die  Wohnung klar käme…. Er wohne im Halbparterre, 8 Stufen seien zu überwinden…. Er könne das mal ein paar Tage mit Gehilfen machen, aber im Rollstuhl käme er in der Wohnung nicht klar, Küche, Badezimmertüre, alles zu eng…. Er erzählt vom Lauftraining mit den Gehilfen, dass er da schon mehrmals böse gestürzt sei.

 

in dem Moment betritt eine zweite Pflegekraft das Zimmer.“ Hallo, sie müssen dringend in die Anästhesie!“ Redet sie jetzt auch auf den Bärtigen, Tätowierten ein, der alleine mit dem Anziehen nicht klar kommt, aber auch von niemandem Hilfestellung bekommt. Beide Pflegekräfte wenden sich dem mobilen Pflegecomputer für die Pflegevisite zu, besprechen sich kurz, wer in welches Zimmer geht, wie die Pflegevisite weiter geht.

 

 

Ich versuche erneut, den Gesprächsfaden aufzunehmen: „Herr W. es ist gerade sehr unruhig hier im Zimmer. Gerne komme ich morgen noch mal wieder. Wo könnten wir uns in Ruhe besprechen?“ „ Ja, ich kann ja in den Rollstuhl, da gibt es so einen Aufenthaltsraum.“  Ich denke, wunderbar, will einen Termin ausmachen. Er sagt: „Ne, kommen sie mal am Montag, morgen will ich nicht schon wieder so ein Gespräch. Mir tut das gar nicht gut.“ Gut, dann komme ich am Montag wieder, sage ich, ebenfalls völlig entnervt, denke aber, das ist ja völliger Unsinn, für Montag ist ja schon die OP geplant. Ich verlasse das Zimmer, völlig fusselig im Kopf, setze mich kurz in den Aufenthaltsraum, versuche, das Gespräch zu dokumentieren.

 

Vier Herren im Zimmer, zwei Pflegekräfte, der Sozialdienst, alle reden durcheinander… so ist es zum Glück selten. Oft sind die Gespräche hier kleine Kunstwerke, spannende Begegnungen, aber oft sind sie auch das: Improvisation im Augenblick, halb sozialarbeiterisch, halb psychologisch, viel Geduld und Gelassenheit notwendig.

 

 

Ich bin so dankbar für die Aufgabe als Psychologin in dem großen Klinikum, viele Trauerprozesse nach den schweren Unfällen, und die Klinik ist wirklich sehr großzügig in der psychologischen Versorgung. Ich habe mich langsam daran gewöhnt, einen großen weißen Kittel zu tragen, aber Psychotherapie im  Vierbettzimmer ist immer wieder eine Herausforderung! Und so ist Psychotherapie im Vierbettzimmer immer wieder Improvisation!

 

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