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Ist Trauerberatung eine Krankenkassenleistung?

Ist Trauerberatung eine Krankenkassenleistung?

 

 

Wenn ich sage, dass ich Trauerberatung anbiete, werde ich oft gefragt, ob das über die Krankenkasse abgerechnet werden kann. Die erste Antwort ist: leider nein. Trauer ist ein gesunder Prozess. Auch wenn Trauer sehr schmerzhaft und belastend ist und einem den Boden unter den Füßen wegziehen kann. Trauer ist die gesunde Reaktion auf einen Verlust. Insofern gibt es – bis jetzt – noch kein Krankheitsbild Trauer. Es gibt Krankheitsbilder, die aus verschleppter Trauer oder aus komplexen Trauerprozessen entstehen können wie z.B. eine Depression. Diese gelten dann als krankheitswertig. Ebenso kann man sich behelfen mit der Diagnose „Anpassungs- und Belastungsstörung“, die anzeigt, dass jemand wegen eines akut belastenden Lebensereignisses aus der Bahn geworfen ist wie z.B. bei einer Scheidung, bei Mobbing oder bei einem Todesfall.

 

 

In den jetzigen diagnostischen Manualen, in dem in Deutschland gebräuchlichen ICD 10, kommt keine Trauerstörung vor. Das ICD 10 listet alle Formen von gesundheitlichen Störungen auf und verschlüsselt sie in einer Kombination aus Zahlen und Buchstaben. Das ist die Zahlen- und Buchstabenkombination, die Sie z.B. auf einer Krankmeldung als Diagnose finden. Die psychischen und psychiatrischen Diagnosen werden im Kapitel F zusammengefasst. Hier finden sich alle Störungen von Depressionen bis zu schweren psychiatrischen Erkrankungen wie Schizophrenie.

 

 

Viele Störungen, die wir erwarten würden, sind immer noch nicht erfasst, wie z.B. der burn out oder das Mobbingopfer oder eben die Trauerstörung. Mit jeder neuen Auflage kommen neue Störungskategorien hinzu. Andere Störungen fallen weg, da sie als überholt gelten. Was in der Psychiatrie und Psychologie als psychische Störung erfasst wird, ist auch zeitlichen Veränderungen und neuen wissenschaftlich begründeten Ansichten unterworfen. Als Indizien für eine Störung gelten allgemein: Leidensdruck bei der Person selbst, Leidensdruck bei den umgebenden Menschen, von der gesellschaftlichen Norm abweichendes Verhalten, Funktionseinschränkung im Alltag und Leistungseinbußen im Alltag.

 

 

Was wir als gesellschaftliche Norm für gesunde Trauer empfinden, hat sich in den letzten hundert Jahren sehr geändert. Galt früher ein Trauerjahr mit einem Jahr schwarzer Kleidung Tragen als normal, ist es heute so, dass bei einem Trauerfall gerade mal ein oder zwei Tage Sonderurlaub gewährt werden.  Die Gesellschaft verlangt von Trauernden meist sehr schnell ein normales Funktionieren und sich wieder Eingliedern in den Alltagsprozess. Ein Satz, den ich in der Trauerberatung sehr oft höre, ist, „Ich komme nicht darüber hinweg.“ Oder auch „Ich hätte nicht gedacht, dass das so lange dauert!“ und oft wird das schon wenige Wochen oder Monate nach dem Tod und der Bestattung gesagt. Unsere Vorstellungen, wie lange gesunde Trauerprozesse dauern, haben sich in den letzten Jahren sehr verändert.

 

 

Bei der Überarbeitung eines neuen ICD 11 soll eine  neue Kategorie eingeführt werden, deren Namen noch diskutiert wird: Evtl. wird sie Komplexe Trauerstörung oder Prolongierte Trauerstörung heißen. Dann kann eine solche Diagnose im Falle eines erschwerten Trauerprozesses gestellt werden. Unklar ist, ob die Diagnose wie in Amerika bereits 14 Tage oder erst ein halbes Jahr oder ein Jahr nach dem Todesfall diagnostiziert werden kann.

 

 

Nach der Umstellung des DSM IV auf das DSM V gab es in Amerika für die dortigen Psychiater und Psychologen nämlich die Möglichkeit, eine komplexe Trauerstörung bereits 14 Tage nach dem Trauerfall diagnostizieren zu können… (Das DSM ist das Diagnostische und standardisierte Manual der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung)  Ist das sinnvoll? Hat das Vorteile? Werden hier Menschen für krank und behandlungsbedürftig erklärt, die ganz normalen Prozessen unterliegen? Der Nachteil einer zu frühen Diagnose ist die medikamentöse Therapie mit Antidepressiva. Der Vorteil einer solchen Störungskategorie ist die Möglichkeit der Krankschreibung und der Behandlung mit Psychotherapie auf Krankenschein.

 

 

Doch zurück zu den deutschen Verhältnissen. Wir haben hier eine solche Kategorie noch nicht. Daher müssen Menschen, die Trauerberatung erfahren wollen, diese entweder selbst bezahlen oder zu einem Kassenpsychotherapeuten gehen, der meistens nicht auf Trauerberatung spezialisiert ist. Kassenpsychotherapeuten stellen dann eine Ersatzdiagnose, eben Depression oder Anpassungs- und Belastungsreaktion. Allerdings haben sie längere Wartezeiten auf einen Therapieplatz.

 

 

Professionelle Trauerberater haben ganz unterschiedliche Grundberufe, sind selten Psycholog*innen, meistens eher Sozialarbeiter*innen, Bestatter*innen, Erzieher*innen oder kommen aus ganz anderen Berufen. Manchmal ist eine Kostenerstattung durch die Krankenkasse möglich, wenn die Berater*in eine Zulassung nach dem Heilpraktikergesetz für Psychotherapie hat. Auch hier muss dann wieder eine Ersatzdiagnose gestellt werden.

 

 

Manche Menschen möchten aber gar keine psychiatrischen Diagnosen in ihren Krankenkassenunterlagen erscheinen lassen. Denn diese können zu Schwierigkeiten führen z.B. bei der Verbeamtung, beim Abschließen von Berufsunfähigkeitsversicherungen oder Lebensversicherungen. Daher zahlen manche Menschen auch lieber eine private Rechnung ohne Diagnosenstellung.

 

Was kostet Trauerberatung? Eine Einzelberatung kann zwischen 45 und 100 Euro kosten. Eine Gruppenberatung zwischen 10 und 30 Euro. Gruppenberatungen werden in der Regel gar nicht durch die Krankenkassen erstattet. Leider gibt es hier auch keine Anrechnung als gesundheitlicher Prophylaxekurs wie z.B. bei Yoga oder bei der Rückenschule. Obwohl die Beratung im Trauerfall davor schützt, eine Depression zu entwickeln…

 

 

Ich wünsche Ihnen, dass Sie das alles noch lange nicht brauchen. Wenn Sie aber eine Trauerberatung benötigen, erlauben Sie sich diese Hilfestellung. An den Kosten soll es nicht scheitern. Viele Trauerberater*innen bieten auch Sozialtarife an. Oder Sie gehen zu einer gemeinnützigen Beratungsstelle, die aber meist kirchlich-seelsorgerlich geprägt ist. Viele Hospizdienste bieten auch Trauerberatung auf Spendenbasis an.

 

 

Mit herzlichen Grüßen,

 

Monika Müller-Herrmann

 

 

 

 

 

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