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Briefe an einen Verstorbenen schreiben

Briefe an verstorbene Menschen schreiben

 

 

Trauertherapeuten empfehlen manchmal, Briefe an Verstorbene zu schreiben. Das mag im ersten Moment befremdlich klingen. Das innere Zwiegespräch mit dem Verstorbenen, mal leise, mal sogar laut ausgesprochen, ist vertraut und gehört zum Trauerprozess dazu. Warum Briefe an einen Verstorbenen schreiben? Und was macht man dann damit? Manche Menschen nutzen im Trauerprozess diese Technik, um die eigenen Gedanken und Gefühle zu ordnen.

 

 

Mit dem Tod ist das Leben des geliebten Menschen unwiderruflich zu Ende gegangen. Die direkte Kommunikation mit Rede und Antwort ist unwiderruflich abgebrochen. Ich kann keine Fragen mehr stellen. Ich erhalte keine direkten Antworten mehr. Ich quäle mich mit Schuldgefühlen, mit Fragen um Versäumnisse, würde vieles gerne noch einmal ausdrücken. Ich kann von dem Verstorbenen noch träumen und manche Trauernde berichten von sehr eindrücklichen Träumen. Ich kann innerlich mit ihm sprechen, ja manchmal scheint es mir sogar für Bruchteile von Sekunden, als sähe ich ihn oder sie vor mir. Briefe schreiben ergänzt die innere Zwiesprache um eine äußere Form, bei der ich mich ordnen und ausdrücken kann. Ich kann noch mal alles ausdrücken, schreiben und beklagen. Ich kann meine ganze Wut ausdrücken, meine Trauer, meine Einsamkeit, meine Sehnsucht nach dem verstorbenen Menschen.

 

Ich kann einen oder mehrere Briefe schreiben, zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

 

Dann werden sie zu einer Art Trauertagebuch und ich kann sehen, was für einen Prozess meine Trauer mit der Zeit nimmt. Trauer ist nicht jeden Tag gleich. Menschen mit Trauer durchleben vielfältige Stimmungsschwankungen. Manche Tage ist der Schmerz erträglich, an anderen Tagen zerfrisst er die Seele. Weihnachten, Geburtstage, Hochzeitstage können schwere Tage sein, an anderen Tagen ist es schon fast wie überwunden. Ich kann die Briefe aufheben, als einen kostbaren Schatz meines Trauerprozesses hüten. Ich kann Erinnerungen aufschreiben und Fragen, die sich vielleicht nie mehr klären lassen. Ich kann festhalten und loslassen. Denn es ist ein großer Irrtum, dass es im Trauerprozess immer nur ums Loslassen ginge. Es geht auch darum, an der Liebe zum Verstorbenen festhalten zu dürfen, ihr einen neuen Platz im Herzen einzuräumen.

 

 

Wir können auch andere Dinge mit solchen Briefen machen, sie verbrennen, vergraben oder auf einem Fluss als kleine Schiffchen aussetzen und treiben lassen. Solche symbolischen Handlungen können helfen, das Abschiednehmen weiter zu gestalten. Noch einmal einen Abschiedsbrief zu schreiben, zu schreiben, lebe wohl, ich danke dir, ich werde dich vermissen, du warst mein ein und alles oder mein bester Vater oder eine schwierige Mutter, kann sehr heilsam sein. Schreibtherapie ist eine hilfreiche Form, in der unzensierten Weise auf dem geduldigen Papier Dinge auszudrücken, die man sonst nicht aussprechen würde.

 

 

Ich habe meinem verstorbenen Vater viele Briefe geschrieben. Erst handschriftlich, später am PC. Ich musste durch viele Gefühle hindurch, durch die Trauer, durch die Wut, dass er mich so früh verlassen hatte, durch die Phase des Verzeihens. Ich habe mich mit jedem Brief weiter durchgekämpft durch diese Gefühle. Ich weiß, einmal lief ich durch den verschneiten Wald im Allgäu, mir liefen die Tränen die Backen runter und ich konnte endlich laut aussprechen, dass ich ihm verziehen habe. Viele dieser Briefe habe ich verbrannt. Ich habe einen kleinen Brief am Grab vergraben. Danach wurde mein Leben spürbar besser.

 

 

Auch bei Kontaktabbrüchen kann es sehr hilfreich sein, den inneren Dialog fortzusetzen, indem ich weiter schreibe, auch wenn ich die Briefe nicht abschicke. Therapeutische Briefe zur Trauer- und Abschiedsbewältigung sind ein wichtiges Mittel in der Trauerbegleitung.

 

 

Probieren Sie es aus, ob es Ihnen liegt oder ob Ihnen das Medium fremd bleibt. Manch einer schreibt Briefe, jemand anderes kriegt den Blues und macht lieber Musik oder geht spazieren. Wenn es Ihnen anfangs schwer wird, setzten Sie sich mit dem Blatt hin, schreiben die Anrede und lassen es auf sich wirken. Welche Gedanken kommen Ihnen als erstes? Schreiben Sie unzensiert alles auf. Niemand außer Ihnen selbst wird diesen Brief je lesen. Es ist ihr persönlicher, emotionaler und geistiger Freiraum, in dem Sie noch einmal alles ausdrücken können, was ungesagt blieb oder was Ihnen jetzt an Gefühlen und Gedanken zu schaffen macht. Schreiben Sie ganz offen, wie an einen lieben und vertrauten Menschen, so wie früher, als Sie sich noch Briefe oder Emails geschrieben haben.

 

 

Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen so wie mir viel Erleichterung und Erkenntnisse bringt.

 

Herzliche Grüße,

 

Monika Müller-Herrmann

 

Eine Erinnerung aus frühen Kindertagen: Mein Vater und ich im Garten.

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