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Unterricht in der Altenpflege - Palliative Care als Haltung vermitteln

Unterricht an einer Altenpflegeschule - Palliative Care als Haltung vermitteln

 

 

Schon als Koordinatorin war ich öfter zu Gast in Altenpflegeschulen, war dann die Expertin aus der Praxis. Die Klassenlehrerin war dabei, die Schüler und Schülerinnen befragten mich mehr oder weniger interessiert, hatten manchmal auch wenig Interesse, machten aber alles an Übungen mit, da die Klassenlehrerin dabei war.

 

 

Jetzt bin ich freiberufliche Dozentin. Da der Klassenlehrer zu wenig Zeit hatte, mir die Unterrichtsinhalte rechtzeitig mitzuteilen, ändert sich während der Unterrichtsvorgabe noch zweimal die Bitte, was ich in meinen vier  mal vier Unterrichtsstunden mitteilen sollte. Ich habe sehr wenig Zeit, um in den Beziehungsaufbau zu investieren. Die Schüler- und Schülerinnen sagen in der Vorstellungsrunde nur ihren Nachnamen. Ich versuche, sie ins Gespräch zu locken mit Zitaten über das Thema Schmerz. Ich stelle mich selbst vor als Altenpflegerin und Psychologin. Ich habe Anfang der 90er Jahre an genau dieser Schule meine eigene Ausbildung als Altenpflegerin gemacht.

 

 

Ich kämpfe in den ersten Unterrichtsminuten noch mit der Technik, der EDV ler auch, bis meine Laptop-Beamer Verbindung steht. Gleichzeitig erklärt mir die Schulleitung die Handhabung des Klassenbuchs. Es ist Dokumentation der Unterrichtsinhalte, der Präsenzzeiten und meine spätere Abrechnungsunterlage. Ich muss also korrekt eintragen. Dann bitte ich die Schüler und Schülerinnen, Namensschilder aufzustellen. Ich stehe in meinem alten Klassenraum von 1990, eine Fülle von Erinnerungen aus meiner eigenen Pflegeausbildung kommen hoch. Hier habe ich selbst gelernt, Altenpflegerin zu sein. Jetzt stehe ich hier als Dozentin.

 

 

Die  Schulleitung geht, es ist 8:10, der Unterricht beginnt eigentlich um 8 Uhr, ich bin unglaublich müde und aufgeregt, es ist nur die Hälfte der Klasse anwesend. Die anderen kommen nach und nach mit kurzer oder deutlicher Verzögerung. Obwohl ich instruiert bin, dass im Unterricht kein Handy genutzt wird, spielen viele Schüler im Unterricht weiter an ihren Handys.

 

 

Ich bin jetzt nicht mehr die Expertin aus der Praxis, die von der Klassenlehrerin geschützt und begleitet wird, ich bin auf einmal volle Unterrichtskraft, beschäftigt mit Klassenbuch, disziplinierenden Maßnahmen.  Ich versuche am ersten Unterrichtstag Medikamentenlehre, Schmerztherapie und WHO Schmerzstufenschema zu unterrichten. Die Klasse geht fachlich gut mit. Auch eine Übung, 12 gängige Schmerzmittel auf Zetteln nach WHO Stufenschema zu sortieren, kommt gut an. Bei der nächsten Übung blockt der ganze Kurs. Ich sollte einen Schmerzbiographiebogen austeilen und bearbeiten lassen.

 

 

Keiner will den Bogen ausfüllen und diskutieren. Zu viel Eigenes kommt hier zur Sprache. „Das ist mir zu privat“ sagt ein Schüler. Ein anderer: „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie Schmerzmittel genommen“. Ich versuche behutsam ein Gespräch zu eröffnen, dass die eigene Schmerzbiographie, wie ich selbst mit Schmerzmitteln umgehe, damit zu tun haben kann, wie ich Schmerzpatienten wahrnehme und begleite.

 

 

„Ich versuche, ganz rationale Entscheidungen zu treffen. “ sagt ein junger Mann. Ein anderer  betont, das müsse er fachlich entscheiden, da hätten Gefühle nichts zu suchen. Ich versuche, sie in eine Diskussion zu locken über ihren Begriff von Professionalität. Ist Professionalität gleich Rationalität? Was ist mit Empathie? Sind nicht meine Gefühle als Pflegekraft ein ganz wichtiges Sensorium? Die lautstarken Meinungsmacher in der Klasse folgen mir nicht. Anders als früher besteht der Kurs zur Hälfte aus jungen Männern, die sich sehr selbstbewusst vertreten. Ich versuche zu erzählen vom Spannungsfeld von professioneller Nähe und professioneller Distanz. Ich komme damit nicht weit. Ein junger Mann versucht, mich zu widerlegen, ich wüsste ja gar nicht, was ich da erzähle, da ich öfter den Ausdruck verwende „Ich glaube, zu einer professionellen Haltung in der Palliativ Care Arbeit gehört…“ Das wird quittiert mit „Glauben heißt nicht wissen.“

 

 

Ich muss jetzt meine Fachlichkeit erneut zeigen, um sie zu überzeugen. Berichte davon, wie ich als Heimleitung ein Pflegeheim übernahm und es für die Hospiz- und Palliativarbeit öffnen wollte. Sie sind erstaunt, dass 50 % der Heimbewohner dann doch im Krankenhaus versterben und nur 11 % eine Patientenverfügung hatten.

 

 

Ich erfrage in einer ersten Feedback Runde, was sie sich für die nächste Kurseinheit wünschen. Sie wünschen sich mehr Praxisrelevanz. Ich nehme also zum nächsten Unterricht eine Einheit  aus einem Kurs mit „Die Sterbebegleitung im Pflegeheim verbessern“.

 

 

Im zweiten Unterrichtsblock lasse ich noch mal alle Unterschiede zwischen Pflegeheim und Hospiz aufzählen. Anfangs herrscht di e Meinung vor, es sei nur der Personalschlüssel. Das sei alles. Ich lasse nicht locker, und so langsam kommen die Beobachtungen. Die Klasse hat in der Woche ein Hospiz besucht. Den Hospizleiter fanden sie imponierend, den Mann aus der Praxis, in Leitungsfunktion. Meine Informationen werden von den männlichen Kursteilnehmern immer wieder in Frage gestellt.

 

 

Eine Kursteilnehmerin meinte, das Hospiz hätte sie erinnert an ein KZ, wie Ausschwitz. Sie ist Polin. Ich frage sie, wie sie zu dem Eindruck kommt. Sie meinte, lauter Menschen, die alle zum Sterben da zusammen gepfercht werden, es sei furchtbar, sie könnte da nicht arbeiten. Ihr ist nicht bewusst, dass fast alle Bewohnerinnen im Pflegeheim ebenfalls sterben,  viele schon nach kurzer Zeit.

 

Ich erkläre dann gründlich die ambulanten Kooperationspartner, das SAPV Team und die Ambulanten Hospizdienste. Die Meinung über diese Kooperationspartner ist durchweg positiv. Sie werden als Entlastung erlebt. Die Unterschiede zwischen Hospizdienst und SAPV und AAPV erkläre ich mehrmals. Die nächste praktische Übung läuft gut, der Kurs geht gut mit. Auf einmal tauen die Schüler und Schülerinnen auf, stellen Fragen, wie und vor allem wann rufe ich einen Hospizdienst oder ein SAPV Team? Was kostet das? Wer kann da anrufen? Wie schnell kommen die eigentlich?

 

 

Dann komme ich auf die Konflikte zu sprechen zwischen Pflegekräften im Heim und ambulanten Diensten, die von außen reinkommen. Sie stellen sich erst blauäugig, müssen dann aber einräumen, dass es da Konflikte geben kann. Die nächste praktische Übung geht ganz schief. Ich habe aus dem Unterrichtsmaterial der Deutschen Palliativstiftung Kurzinterviews mit Vertretern der Hospizbewegung Hessens rausgesucht, die zu zweit in Kleingruppen bearbeitet werden sollen. Der Kurs blockt total. Die einhellige Meinung ist, „Was haben die mit uns zu tun?“

 

 

Ich komme wieder auf die Palliative Haltung zu sprechen. Der Kurs fragt erneut, was hat das mit uns zu tun? Wir wollen nicht palliativ arbeiten, sagen ganz viele. Mir platzt der Kragen, für einen Moment werde ich ungeduldig. Ich sage, Sie arbeiten doch nicht als Kinderkrankenschwester , sondern als Altenpfleger… was glauben Sie, wo die Menschen sterben? Bei über 45 Pflegeheimen in Frankfurt und nur zwei Hospizen mit 12 Betten?

 

 

Immer wieder versuche ich zu erklären, Hospizarbeit und Palliative Care ist eine Haltung. Es ist kein Ort mit 12 Betten hier in unserer Stadt, und wenn ich da nicht hingehe, habe ich nichts damit zu tun. Ich habe als Altenpflegerin mit Tod und Sterben zu tun. Ich muss mir eine Haltung dazu erarbeiten.

 

 

So langsam locke ich sie aus der Reserve. Wir sammeln an der Flipchart, was zu dieser Hospizlichen und Palliativen Haltung gehört: Empathie, Zuhören können, Selbstfürsorge und Selbstschutz, sich Zeit nehmen, bedürfnisorientiert arbeiten, Sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen.

 

 

Hier widersprechen einige Kursteilnehmer energisch. Das sei unnötig, sich mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen. Man könne sehr wohl eine gute Palliativarbeit machen und den eigenen Tod vollständig ausblenden. Man müsse eben Fachwissen haben und sich im Griff haben.

 

 

Das nächste Element, Reflexionsfähigkeit, Supervision, Fallgespräche ruft ebenfalls Widerspruch hervor. Supervision sei blöd, bringt nichts, ist überflüssig. Man könne dadurch ja nichts ändern. Ich nehme mir vor, in der nächsten Themeneinheit unbedingt noch etwas zum Thema Supervision einzubauen.

 

 

Am Ende komme ich zum Begriff der Toleranz für unterschiedliche Lebenswelten. Meine wertschätzende, offene Art, als Koordinatorin auf Menschen in den ganz unterschiedlichsten Lebenswelten zuzugehen, wird von den Kursteilnehmern sehr infrage gestellt. Ich sei ja einfach nur wertneutral. Das sei ja nichts. Auch Toleranz sei nicht viel wert. Akzeptanz sei ein besserer Begriff.

 

Ich erfrage am Ende der Sitzung erneut, was sich die Teilnehmer für die nächste Themeneinheit wünschen. Mehr Praxisbezug wird gewünscht. Ich würde es ihnen gerne ersparen, das Ding mit der Haltung, aber ich halte es für so existentiell.

 

 

Auf dem Heimweg rieche ich an einer Wildrose. Die Blüte wird nicht lange blühen, der Duft ist wundervoll und vergänglich. Ich liebe die vergänglichen Freuden: Der Schneemann, der schmilzt, die Pusteblume, die verweht, den Duft von Wildrosen und Pfingstrosen. Meine hospizliche Haltung hat mir gezeigt, wie vergänglich das Leben ist und ich genieße diese Momente viel mehr. Wie kann ich das nur vermitteln?

 

Danke fürs Lesen und Mitfühlen, danke an alle, die unterrichten und in die Schulen gehen!

Monika Müller-Herrmann

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Sitte Thomas (Dienstag, 22 Mai 2018 21:55)

    Starke Unterrichtsbeschreibung. Und auch nicht untypisch.