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Der Tod der Eltern ist das Ende der Kindheit

Der Tod der Eltern ist das Ende der Kindheit

 

 

„Wann endet unsere Kindheit?“ Hatte eine große Zeitung vor einigen  Wochen getitelt. Endet sie, wenn wir erwachsen werden, wenn wir selbst Kinder kriegen? Meine Antwort, und die vieler meiner Klientinnen und Klienten, ist, mit dem Tod der Eltern. Solange die Eltern leben, können wir uns immer noch als Kinder fühlen. Wir können unsere Eltern noch um Rat fragen, wir können noch ihren Erinnerungen aus unserer Kindheit lauschen. Sie können uns aus unserem frühen Kinderleben erzählen, sie kennen unsere Lieblingsspeisen, unsere ersten Berufswünsche mit 6 Jahren, unsere Lieblingskinderbücher und unsere Kosenamen. Sie wissen, wie oft wir uns mit den Geschwistern geprügelt oder gezankt haben und wie oft wir mit zerschlagenen Knien heimkamen.

 

 

Wenn die Eltern sterben, geht die Kindheit zu Ende. Das ist so, wenn die Eltern sehr früh sterben, wenn die Kinder noch klein sind und jetzt mit einem alleinerziehenden, oft trauernden und überforderten Elternteil weiterleben. Oft setzt bei den Kindern eine Art Notreife ein, sie übernehmen erwachsene Rollen, übernehmen Verantwortung für jüngere Geschwister. Trauerbegleitung für Kinder ist daher besonders wichtig.

 

 

Wenn die Eltern mit Anfang 60 oder 70 Jahren sterben, scheint es oft noch zu früh. Das ist doch kein Alter, denkt man dann bei der heute möglichen Langlebigkeit. Meine Klientinnen sind oft Anfang 30 oder Anfang 40, mitten in ihrer Lebensplanung. Sie erfahren ganz deutlich, was es bedeutet, die Eltern jetzt nicht mehr um Rat fragen zu können… sollen sie jetzt den nächsten Karriereschritt machen? Sollen sie noch mal ins Ausland gehen? Wie viel Zeit darf ich mir lassen für die Trauer? Will ich ein Sabattical einlegen? Oder endlich heiraten oder Kinder kriegen? Eine Klientin hatte kurz vor dem viel zu frühen Tod der Mutter ein Kind bekommen, im sicheren Gefühl, es wächst mit einer liebevollen Oma auf. Bis zum ersten Geburtstag des Kindes lebte die Mutter nicht mehr. Der erste Geburtstag des Kindes, als Fest mit Großeltern geplant, war auf einmal sehr traurig.

 

 

Hinzu kommt, dass die Umgebung Trauer um die Eltern oft nicht als so großen Verlust würdigt. Oft hören meine Klientinnen, deine Eltern haben ihr Leben doch schon gelebt, was trauerst Du denn immer noch? Es gibt eine merkwürdige Hierarchie unter Trauernden: Trauer um ein Kind erscheint als sehr belastend, während Trauer um die Eltern als etwas weniger schmerzliches gilt. Dabei kann der Verlust der Eltern oft einen starken Prozess der notwendigen Neuorientierung bedeuten. Es geht oft um eine Neubewertung: Was will ich vom geistigen und materiellen Erbe meiner Eltern annehmen? Was passt in mein Leben? Was soll von ihnen in mir weiterleben, was möchte ich nicht weitergeben?

 

 

Oft ist auch die Sorge um den zurückbleibenden Elternteil groß. Was wenn ein Elternteil schon krank, dement oder pflegebedürftig war und der jetzt verstorbene Elternteil alles aufgefangen und getragen hatte? Was, wenn der Vater sich sehr schnell wieder bindet, da er meint, ohne Ehefrau nicht leben zu können? Oft kommt jetzt verstärkt Sorge hinzu, die Pflege oder Wohnung des zurückgebliebenen Elternteils zu organisieren oder sogar die Wohnung der Eltern ganz aufzulösen. Neben der Trauer um die Eltern wird eine große Trauer spürbar um das Elternhaus oder die Wohnung der Eltern, die man jetzt abwickeln, entrümpeln, auflösen muss. Hinzu können alte Rivalitäten und Konflikte mit den Geschwistern kommen, die jetzt wieder neu aufbrechen.

 

 

Ich weiß, mein Mann und ich haben bei der Heimaufnahme meiner Schwiegermutter monatelang gebraucht, bis die Wohnung leer war, und da es seine Kindheitswohnung war, in der er aufgewachsen war, war sie voller Erinnerungen. Es war für ihn ein sehr schmerzlicher Prozess, sich von all dem zu verabschieden und nur ein paar wenige Erinnerungsstücke zu behalten. Den letzten Termin mit dem Entrümpler habe ich ihm ganz abgenommen, da ihm das zu wehgetan hätte.

 

 

Der Abschied von den alten Eltern kann ein langsamer Abschied sein, schleichend, durch eine lange Pflegezeit vorgezeichnet. Es kann sein, bei langer Demenz, dass ich lange von den Eltern Abschied nehme, sie mich schon lange nicht mehr erkennen, ich hilflos am Bett sitze, sie immer wieder besuche, aber nur noch wenig Resonanz erfahre. Der Abschied von den Eltern kann auch abrupt sein, eine Lebensmittelvergiftung, plötzlicher Herztod, eine sehr späte Krebsdiagnose mit schnellem Verlauf, ein Schlaganfall mit schlechter Prognose. Nehmen Sie sich Zeit für den Abschied von Ihren Eltern! Oft waren in den letzten Tagen am Krankenbett und bei der Regelung der Bestattung viele Entscheidungen zu treffen, die noch lange in Ihnen nachwirken. Suchen Sie sich für den Prozess eine gute therapeutische Trauerbegleitung.

 

 

In so einem Prozess können Sie sowohl die Eltern noch einmal würdigen wie die Neuorientierung Ihres jetzigen Lebens ohne die Eltern vornehmen. Es braucht Zeit, zu begreifen, meine Eltern sind jetzt nicht mehr da. Vielleicht fühlen Sie sich einen Moment lang wie verwaist. Das Gefühl kann länger anhalten, als sie denken. Den Eltern noch mal einen Brief zu schreiben oder Orte der Kindheit bewusst aufzusuchen, das kann helfen. Manche behalten auch ganz bewusst einige Dinge aus der Wohnung der Eltern oder sogar ein Kleidungsstück, das sie sehr gerne mochten. Erlauben Sie sich solche Erinnerungsprozesse. Genauso wie der Gang zum Grab eine gute Erinnerungskultur bekommen kann.

 

 

Ich wünsche Ihnen wie immer, dass Sie das alles noch nicht so bald brauchen. Falls es aber konkret wird, zögern Sie nicht, Hilfe anzunehmen!

 

 

Mit herzlichen Grüßen,

 

 

Monika Müller-Herrmann

 

 

 

 

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