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Jahrestagsreaktionen

Jahrestagsreaktionen - Was ist das? Wie wirkt es sich aus?

 

 

Menschen, die trauern, erleben Höhen und Tiefen im Laufe des Trauerprozesses, starke Stimmungsschwankungen und Wellenbewegungen. Trauern ist wie Wellenreiten. Es gibt für viele Trauernde markante Jahrestage, an denen die Trauer wieder schwerer wird. Das kann der eigene Geburtstag oder der Geburtstag des Verstorbenen sein, das kann der Hochzeitstag  oder ein anderes Jubiläum sein. Es ist vor allem der erste oder zweite Todestag. Rund um solche Gedenktage herum kommt es meistens zu einer Verschlechterung des Befindens. Die trauernde Person denkt wieder vermehrt an den Verstorbenen, es können vermehrt Erinnerungen kommen. Bei den Todestagen sind das vor allem Erinnerungen an die letzten Tage und Wochen. Das kann sehr eindrücklich sein, als ob man alles noch einmal durchlebt in Gedanken und im Gefühl.

 

 

Fortgeschrittene Trauernde im 2. Trauerjahr fragen sich oft, ich hatte meine Trauer doch eigentlich ganz gut überwunden, warum geht es mir auf einmal wieder so viel schlechter? Die Langzeittrauerforschung hat ergeben, dass eine gewisse Jahrestagsreaktion z.B. bei langjährigen Ehepaaren noch sehr lange auftritt. Auch ich habe noch viele, viele Jahre rund um den Todestag meines Vaters immer wieder von ihm geträumt.

 

 

Es ist wichtig, in der Trauerbegleitung Trauernde immer wieder über dieses Phänomen der Jahrestagsreaktion zu informieren und darauf vorzubereiten. Ich frage zum Beispiel öfter, was sind für Sie markante Daten im gemeinsamen Lebensjahr gewesen? Es ist z.B. gut, sich einen Plan zu machen, wie der erste Hochzeitstag oder der erste Todestag gestaltet sein will. Will ich alleine sein, will ich mir Freunde einladen, will ich ans Grab gehen, will ich viel telefonieren?

 

 

Eine Trauernde sagte einmal, das Gute an den Jahrestagen ist, da darf die Trauer wieder sein. Wenn auch sonst im Alltag meiner Freunde und Freundinnen alles normal weiter zu laufen scheint und ich mit meiner Trauer nur noch wenig gesehen werde, wenn so ein Jahrestag ist, darf ich meine Trauer wieder zeigen. Jeder aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis versteht, dass ich am Hochzeitstag oder am Todestag wieder besonders traurig bin.

 

 

Wie kann ich so einen Jahrestag gestalten?

 

 

Zum einen ist es wichtig, dass ich es selbst rechtzeitig erkenne, dass da so ein markanter Tag im Anmarsch ist und dass ich nicht völlig davon überrascht bin, wenn es mir auf einmal wieder schlechter geht. Manche Menschen haben das Bedürfnis, ans Grab zu gehen, andere wollen sich mit Freunden treffen, was gerade jetzt in Corona Zeiten nicht möglich ist.  Ein gemeinsamer Spaziergang zu zweit über den Friedhof ist durchaus möglich.

 

 

Es kann die Frage auftauchen, will ich mich noch mal bewusst mit einer Situation konfrontieren? Will ich nochmal bewusst Bilder durchsehen, alte Briefe lesen, oder an einen bestimmten Ort gehen, den ich mit der Person in Verbindung bringe? Hier ist es wichtig, gut begleitet zu sein. Unterschätzen Sie nicht die Stärke der Erinnerung und dass Trauer ein zyklischer Prozess ist. Die Jahrestage haben ihre eigene Kraft, im ersten, zweiten und oft auch noch im dritten Trauerjahr.  

 

 

Eine andere Strategie kann aktive Ablenkung sein. Vielleicht denken Sie sich, ich will dem Tag nicht so eine große Bedeutung geben, will mich ablenken, reisen, shoppen gehen. Vielleicht hoffen Sie, am Jahrestag gar nicht so viel daran denken zu müssen, sich gut ablenken zu können. Auch das ist ein möglicher Weg. Und das entspricht dem dualen Prozessmodell  der Trauer von Stroebe und Shut, dass Trauernde schwanken zwischen dem Wunsch, aktiv an der Trauer zu arbeiten, sich dem Trauern zu stellen, Erinnerungen zu pflegen, und dem Wunsch nach positiver Ablenkung, Hinwendung zum veränderten Alltag, Anpassung an das neue Leben.

 

 

Keine Art des Umgangs mit Jahrestagen ist besser oder schlechter als der andere. Jeder Trauerweg ist berechtigt. Und wenn ich ein paar Tage wie „auf Autopilot“ durchs Leben gehe, um so einen Jahrestag erst einmal zu überleben, da er sehr bedrohlich für mich ist. Die Erinnerungen, die ein Jahrestag auslöst, können sehr stark sein.

 

 

Seien Sie selbstfürsorglich für sich, berücksichtigen Sie, dass es in der längeren Trauer zunehmend trauerfreie Inseln gibt, Zeiten, in denen Sie schon etwas aufatmen können und weniger schmerzhafte Stunden haben. Und dann gibt es wieder Zeiten, in denen die Trauer stärker spürbar ist, Jahrestage gehören dazu.

 

 

Suchen Sie sich gute Gesprächspartner, im Freundeskreis oder in Form von professioneller Trauerbegleitung. Und wenn eine trauernde Freundin oder ein Mensch im Bekanntenkreis eine Jahrestagsreaktion zeigt, reagieren Sie mit Verständnis. Auch diese Tage gehen vorüber und danach kann sich die Trauer wieder auf ein erträglicheres Maß einpendeln.

 

 

Mit herzlichen Grüßen,

 

Monika Müller-Herrmann

 

 

 

Bildnachweis: 1. Foto Pixelio, 2. Foto von Christian Bodenstein.

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